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Der Ameisenhaufen

Eine Corona-Parabel


Eine Corona-Parabel

 

Es begab sich zu einer Zeit, als die Welt noch in Ordnung zu sein schien. Milliarden von Ameisen verrichteten pflichtgemäß ihr Tag- und auch ihr Nachtwerk, so wie sie es seit Generationen getan hatten, ohne nennenswertes Klagen oder Murren. Sie schienen einem vorgegebenen Plan zu folgen und jede einzelne Ameise glaubte fest und unerschütterlich daran, dass es mit diesem Plan seine Richtigkeit hatte. Zumindest konnte man dies daraus folgern, dass sich alle Ameisen scheinbar nahtlos und widerspruchslos in das bestehende System einreihten und es somit am Laufen hielten.

Von oben - also aus der Vogelperspektive - betrachtet, war dieser Plan dagegen nie wirklich erkennbar. Zwar wurden überall beeindruckende, riesige Monumente in Form großer und noch größerer Ameisenhaufen errichtet. Es wurden gigantische Straßensysteme um die jeweiligen Haufen herum und weit darüber hinaus aus dem Boden gestampft. Auf diesen teilweise kilometerlangen Straßensystemen wogte ein nicht nachlassender Strom von Ameisen hin und her. Die Struktur, mit der diese monumentalen Bauwerke erschaffen und erhalten wurden, war für den neutralen Betrachter jedoch nicht wirklich erkennbar. Es wirkte im Gegenteil wie ein einziges, unübersichtliches Chaos. Tausende von emsigen so genannten Arbeiterameisen liefen tagein, tagaus kreuz und quer über den jeweiligen Ameisenhaufen und die sie umgebenden Strassen. Die einen liefen in eine Richtung, andere in die andere. Immer wieder kam es zu Kollisionen, abrupten Richtungswechseln und langen Staus. Da stolperten Arbeiterameisen übereinander oder purzelten vom Haufen herunter. Manche trugen, allein oder in Gruppen, Zweige, Äste und andere Lasten auf ihren Schultern. Deren letztendlicher Verwendungszweck war möglicherweise noch nicht einmal den Lastenträgern selbst ganz klar, da ihre Transportwege - zumindest von oben betrachtet - eher unübersichtlichen Zickzacklinien und umständlichen Umwegen glichen, als einer zielorientierten Vorgehensweise.

Insgesamt erschloss sich der Sinn und Zweck all dieser Aktivitäten dem neutralen Beobachter auch bei längerem Hinsehen nicht. Von einem durchdachten Plan, der allen Beteiligten gerecht wurde und der die Bedürfnisse der einzelnen Arbeiterameise berücksichtigte, konnte eigentlich nicht die Rede sein. Die ständige und unaufhörliche Bewegung und Aktivität auf und rund um den Ameisenhaufen wirkte stattdessen extrem hektisch, ungeordnet und orientierungslos.

 

Dann geschah von einem Tag auf den anderen das Unfassbare und bisher Unvorstellbare: Die gesamte äußere Aktivität wurde aufgrund einer neuartigen, ameisenspezifischen Krankheit zum Stillstand gebracht. Sämtliche Außenaktivitäten erstarben schlagartig und der Großteil der Arbeiterameisen zog sich panikartig in das Innere des Haufens zurück. Auf der Oberfläche des Hügels wurde von einigen wenigen Arbeiterameisen versucht, die Ordnung irgendwie aufrecht zu erhalten. Die zahlreichen Opfer der neuartigen Krankheit führten allerdings dazu, dass die Hügel allmählich eher einem Schlachtfeld glichen, als einem geordneten Ameisenhaufen. Überall lagen kranke und tote Ameisen herum. Die spezialisierte Gesundheitspolizei unter den Ameisen war bis an ihre Belastungsgrenze gefordert und konnte nur die schlimmsten Auswüchse verhindern.

Nun war es aber so, dass nicht jeder Ameisenhaufen gleich betroffen war. Die einen, die schon vorher über eine funktionierende Gesundheitspolizei verfügten, schienen für die Katastrophe besser gewappnet zu sein. Andere ließen sich sehr viel Zeit, das Signal zum Rückzug in das Innere des Hügels anzuordnen und hatten dementsprechend viele Opfer zu beklagen.

Auf allen Ameisenhaufen bot sich aber nach einer gewissen Übergangszeit, in der die verschiedenen Staaten unterschiedlich auf die neuartige Bedrohung reagierten, das gleiche trostlose Bild: Durch den angeordneten Rückzug ins Innere des Ameisenbaus wirkte die vorher noch so belebte Oberfläche allmählich wie ausgestorben. Über mehrere Wochen hinweg waren keine nennenswerten äußeren Aktivitäten zu beobachten. Fieberhaft suchte die Gesundheitspolizei unterdessen nach der Ursache der neuartigen Krankheit und nach möglichen Gegenmaßnahmen. Erst einmal ohne Erfolg. Im Inneren des Ameisenhaufens schien die Erkrankungsgefahr noch am geringsten, so dass allgemeine Ausgangsbeschränkungen für mehrere Wochen aufrechterhalten wurden. 

Die Situation verschärfte sich schließlich bis zu dem Punkt, an dem sich unter den, im Inneren des Ameisenhaufens ausharrenden und unter den Ausgangsbeschränkungen leidenden Ameisen, eine gereizte und angespannte Stimmung ausbreitete. Die vorher so aktiven bzw. hyperaktiven Arbeiterameisen verharrten - zur Untätigkeit verdammt - in einer Art Schockstarre. Die neue, völlig ungewohnte Situation, nichts mehr auf der Oberfläche tun zu dürfen, führte bei einem Großteil der Arbeiterameisen zu einer depressiven Grundstimmung, die sich allmählich zu einem ausgewachsenen, von Nervosität und Gereiztheit geprägten Lagerkoller entwickelte. Auf engem Raum dicht an dicht gedrängt, stieg die Spannung untereinander Tag für Tag.

 

Als die Aussicht auf baldige Bekämpfung der neuartigen Krankheit und damit ein Ende der Quarantäne sich in die Länge zog, beschloss schließlich ein kleiner Teil der eingesperrten Arbeiterameisen, die ungewohnt viele, zur freien Verfügung stehende Zeit zu nutzen und sich gemeinsam Gedanken über das weitere Vorgehen zu machen. Im Laufe vieler, zum Teil stundenlanger hitziger Diskussionen und Debatten kristallisierte sich allmählich heraus, dass das Auftreten der neuartigen Krankheit von den meisten Ameisen nicht als Zufall angesehen wurde. Die Frage wurde diskutiert, in wie weit nicht ihr bisheriger Lebensstil, der vor allem von hektischer Betriebsamkeit geprägt war, ein Auslöser für den Ausbruch der Krankheit gewesen sein könnte. Manche behaupteten sogar, dass das hektische und manchmal eher kopflos wirkende Hin und Her auf und um den Hügel herum ein entscheidender Faktor zumindest bei der Ausbreitung der neuartigen Krankheit gewesen sei.

Nachdem sie gemeinsam zu dem Schluss kamen, dass sie als Arbeiterameisen derzeit nichts aktiv dazu beitragen konnten, die Krankheit selbst zu bekämpfen, machten sie sich stattdessen Gedanken über die Zeit nach dem Abebben der Krankheit. Sie beschlossen daher für diese Zeit eine Art Masterplan zu erstellen, wie zumindest zukünftige Katastrophen verhindert werden könnten.

 

An erster Stelle der angedachten Maßnahmen stand, dass jede Arbeiterameise dazu aufgerufen wurde, sich nicht mehr blindlings und widerspruchslos in den unaufhörlich fließenden Strom der Aktivitäten  einzureihen. Jede einzelne Ameise sei stattdessen dazu angehalten, den Sinn und Zweck der eigenen Aktivität zu erforschen und gegebenenfalls zu hinterfragen. Dadurch sollte verhindert werden, dass es zukünftig zu völlig überflüssigen und kräftezehrenden Aktivitäten kommt. Der Bau von überdimensionierten Haufen und Hügeln zählte hierbei genau so dazu wie der Bau von nicht benötigten Strassen und Wegen.

Des Weiteren sollte jeder Arbeiterameise ein persönlicher Freiraum zugestanden werden: Der physische Abstand von einer Arbeiterameise zur anderen sollte mindestens auf eine Ameisenkörperlänge festgelegt werden. Außerdem sollte jede Arbeiterameise geregelte Pausenzeiten für die psychische Regeneration zur Verfügung gestellt bekommen. Dies sollte verhindern, dass eine Arbeiterameise nicht schon nach der üblichen, sehr kurzen Lebensarbeitszeit von 2-3 Jahren erschöpft und ausgelaugt das Zeitliche segnete. Bisher war es nämlich so, dass das Leben einer Arbeiterameise sich fast ausschließlich über Leistung und Arbeit definierte. Das so genannte Leistungsprinzip beherrschte den ganzen Ameisenstaat. Jede Arbeiterameise war dazu gezwungen, als Rädchen im großen Räderwerk mitzulaufen. Raum und Zeit für individuelle Interessen und Hobbys waren so gut wie nicht vorhanden.

Als weiteren wichtigen Punkt für die Zeit nach der Krankheit wurde außerdem einstimmig beschlossen, dass das gesamte System des Arbeiterstaates mit seiner scheinbar unantastbaren inneren und äußeren Struktur auf den Prüfstand zu stellen war. Die Stellung der Königinnen und die ungleiche Verteilung der Arbeit im Ameisenstaat sollten dabei genau so hinterfragt werden, wie die Verwendung der Lebenszeit der Arbeiterameisen ausschließlich zu Arbeitszwecken. Das zu einem unantastbaren Gesetz erkorene Leistungsprinzip sollte daher zumindest hinterfragt werden und mehr Frei- und Entscheidungsspielräume für die einzelne Arbeiterameise gewährt werden. Darüber hinaus sollte der bisher gültige Glaubenssatz eines ständig voranzutreibenden Wachstums und Ausbaus des Systems von Nestern, Haufen und Strassen in Frage gestellt werden. Der damit verbundene und immer größere Dimensionen annehmende Verkehr - manche Ameisenstrassen zogen sich über mehrere Kontinente hinweg - sollte eingedämmt und die Konzentration auf die regionalen Strukturen wieder mehr in den Vordergrund gestellt werden.

Die Mitsprache bei solch grundsätzlichen Fragen des Aufbaus und der Organisation des Ameisenstaates war eine wesentliche Forderung, die von den versammelten Arbeiterameisen formuliert wurde. Dazu war es allerdings unabdingbar, dass sich jede einzelne Arbeiterameise eine eigene Meinung bildete und sich nicht nahtlos und widerspruchslos in das bestehende System einfügen ließ.

 

Mit solcherlei Fragen beschäftigte sich also der kleine Kreis der noch immer im Inneren des Ameisenhaufens ausharrenden Arbeiterameisen. Um aber ihre Diskussionen und Debatten nicht nur unter sich zu führen, sondern mit ihren Ideen und Forderungen innerhalb des gesamten Staates etwas in Bewegung zu bringen, beriefen sie eine größere Versammlung ein.

So geschah es, dass der zuerst von wenigen Arbeiterameisen ausgearbeitete Plan für die Zeit nach der Krankheit unter den anderen Arbeiterameisen verbreitet wurde. Die große Mehrheit der Arbeiterameisen stimmte den Inhalten des Planes zu und so konnte schließlich auch der Hofstaat rund um die Königinnen davon überzeugt werden, dass es nach der Überwindung der neuartigen Krankheit nicht genau so weitergehen konnte, wie davor. Ohne die Arbeit der großen Masse der Arbeiterameisen waren auch die Königinnen hilf- und machtlos.

Während also auf der einen Seite die Unzufriedenheit unter den noch immer unter Quarantäne stehenden Ameisen wuchs, sorgte die Aussicht auf eine nachhaltige Veränderung der Verhältnisse nach Überwindung der neuartigen Krankheit für neuen Lebensmut und Hoffnung unter den Ameisen. Im gleichen Maße, wie diese Hoffnung sich unter den Arbeiterameisen allmählich auszubreiten begann, sank währenddessen die Quote der Krankheits- und Todesfälle. Die eigene Haltung und Einstellung zum Leben und der damit verbundene Lebensstil im Ameisenstaat schienen also tatsächlich direkt mit der allgemeinen Gesundheitslage zusammenzuhängen und sich  auf diese auszuwirken.

 

Nachdem sich die Situation in Bezug auf die Erkrankungsrate immer mehr entspannte, wurden die mittlerweile mehrere Monate andauernden Ausgangsbeschränkungen allmählich gelockert und man durfte sich wieder außerhalb auf der Oberfläche des Ameisenhügels bewegen.

Der Großteil der erleichtert auf der Oberfläche umherlaufenden Arbeiterameisen verfiel jedoch nicht wieder in den vor dem Ausbruch der Krankheit üblichen Trott. Viele Ameisen schienen sich jetzt mehr Gedanken darüber zu machen, warum sie wohin laufen. Die Geschwindigkeit, mit der sich jetzt viele bewegten, war um ein Vielfaches geringer als zuvor. Auch die eine oder andere Pause wurde sich gegönnt. Man sah mitunter ganze Grüppchen von Arbeiterameisen zusammenstehen, um die gemeinsame Marschroute festzulegen oder um sich ein wenig in der Gemeinschaft auszutauschen und zu erholen.

Von oben betrachtet erschien die Situation auf und um die Ameisenhügel jetzt wesentlich entspannter und weniger planlos. Die einzelnen Arbeiterameisen konnten besser voneinander unterschieden werden. Wo es zuvor so gewirkt hatte, dass eine, wie von der Tarantel gestochene Masse ziel- und orientierungslos durcheinander lief, konnte man jetzt eine wesentlich ruhigere und harmonischere Bewegung einer Vielzahl von Individuen beobachten. Allgemein wirkte es so, als wenn die Ameisen untereinander sich jetzt mit mehr Respekt und Wohlwollen begegnen würden und die einzelnen Ameise mehr Freiraum für sich selbst zur Verfügung hätten.

Wie sich diese veränderten Bedingungen auf der Oberfläche des Ameisenhaufens auf die gesamte Organisation des Staatssystems im Inneren auswirkten, das bleibt dem neutralen Beobachter leider verborgen. Es bleibt zu hoffen, dass sich auch diese innere Struktur nach dem Grundsatz richtet: Alles, was außen ist, ist auch innen.

 

Und so geschah es, dass eine neuartige Krankheit sämtliche Ameisenhaufen und das Staatenwesen zum Stillstand brachte. Ohne diesen Stillstand wäre es aber vielleicht niemals zu einem Umdenken unter den Ameisen gekommen. Es hätte keine dringende Notwendigkeit bestanden, die Frage zu stellen, ob und in wie weit ihr bisheriger Lebensstil angemessen und natürlich und ob er überhaupt ameisengerecht ist.

 

Merke: Mancher Stillstand kann zu Fortschritt führen.

 

Wobei Fortschritt an sich ja noch kein Erfolg ist. Es kommt auf die Richtung an.