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Über das Wandern


Als ich neulich dem Wald begegnete, traf es mich unvermittelt: Ich hatte einen neuen Gedanken. Zum ersten Mal gedacht und dennoch schon recht ausgereift. Der Gedanke war an sich schlichter Natur, vordergründig betrachtet. Er lautete: Ich liebe das Knirschen unter meinen Wanderstiefeln!

Die weiteren, daraus folgenden Fragen und Gedanken führten mich jedoch geradewegs (sic!) zu meinem Wesenskern bzw. dem Kern des Wesentlichen an sich.

Und so entwickelte es sich: Durch das Knirschen unter meinen Wanderstiefeln wird mir das Gefühl vermittelt, jeden einzelnen meiner Schritte ganz bewusst und gezielt zu setzen. Fast so, als wenn ich mir jeden einzelnen dieser Schritte erarbeiten müsste und sofort - sozusagen auf dem Fuße folgend - mit  meinem steten Vorankommen belohnt würde. .  

Dieser Gedanke und die damit zusammenhängende Erkenntnisse waren neu für mich. Sozusagen ein jungfräulicher Gedanke in meinem mittelalten Hirn. Damit hatte ich nach vielen Jahren des unbegründeten Umherwanderns eine plausible Erklärung  für meine ungebrochene Wanderlust gefunden. Immerhin wanderte ich mittlerweile im 53 Lebensjahr durch Wald und Flur, über Stock und Stein. Mindestens 25 dieser 53 Jahre tat ich dies mehr oder weniger bewusst und gezielt, mit Vorliebe in gebirgiger Umgebung.

Jeder Schritt also der erkennbare Nachweis einer vollbrachten, eigenfüßig erbrachten Leistung. Man kann eben beim Wandern sofort erkennen und sogar ermessen, wie weit man es gebracht hat. Fast wie im richtigen Leben. Wobei: man sich jedoch im besagten richtigen Leben mitunter schwer damit tut, zu ermessen, wie weit man es denn nun tatsächlich gebracht hat. Anhand von welchem Stabe will ich es ermessen? Ist es der erworbene Wohlstand, sprich Status, der den aussagekräftigsten Anhaltspunkt für ein erfolgreiches Leben ergibt? Oder ist es doch eher auf dem Gebiet der menschlich-persönlichen Eigenschaften, die man im Laufe seines Lebens erworben oder weiterentwickelt hat, zu suchen? Bei ersterem, dem materiellen Status, ist es ja noch relativ leicht, unzweideutige Kriterien für Erfolg zu definieren. Mein Haus, mein Boot, mein Konto. Klare Ansage, klare Ergebnisse. Daraus resultierend klare Unterschiede zwischen den Menschen. Beim zweiten, den menschlich-persönlichen Eigenschaften, sieht‘s dann schon etwas komplexer, wenn nicht gar kompliziert aus. Wie will ich den Erfolg eines Lebenswegs beurteilen, wenn ich es mit solch schwammigen und undefinierbaren Merkmalen wie Großzügigkeit, Mitgefühl und Herzlichkeit zu tun habe? Ist im Umkehrschluss vielleicht sogar derjenige am erfolgreichsten, der sein eigenes Leben hintan und in den Dienst anderer Menschen stellt? Altruismus schlägt Egoismus?

Mit solcherlei Gedanken und Fragen im Sinn wanderte ich nun weiterhin steten Schrittes durchs ruhende Tal und bemerkte, wie so oft beim Wandern: Auch dieses Mal übertrug sich der Fluss der körperlichen Bewegung auf den der Gedanken. So ergab sich wieder einmal aus einer an sich schlichten Wahrnehmung ein ganzes Kaleidoskop an Fragen und Erkenntnissen. Ob sich aus diesem Sammelsurium an Überlegungen schließlich ein Ergebnis herauskristallisierte, war dabei von keiner entscheidenden Bedeutung. Beim Laufen ergibt es sich ja, wie beschrieben, das Ergebnis meist von selbst, vorausgesetzt man tritt nicht auf der Stelle oder dreht sich im Kreise. Man bewegt sich in den meisten Fällen fort und gelangt dabei von Punkt A nach Punkt B oder C. Dadurch hat man also immer einen gewissen Nachweis über die erbrachte Leistung. Manch ein Wanderer führt über die derart erbrachten Leistungen sogar Buch oder lässt sich dafür mittels Streckenprotokoll und Etappenstempel auszeichnen.

Dieser Nachweis ist beim Geistigen wiederum nur schwer zu führen. Wohin mich meine zwar fließenden, nichtsdestoweniger müßigen Gedanken tragen, wer vermag’s zu sagen? Mein kleiner, aber unablässig sprudelnder Gedankenstrom trug mich jedenfalls noch ein Stückchen weiter:

Fortsetzung folgt