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Die Entmenschlichung der Kommunikation


 

In letzter Zeit beobachte ich bei mir selbst irritierende Tendenzen.

Zuerst hatte ich diese Tendenzen nur bei anderen wahrgenommen. Jetzt bin ich jedoch vor allem deshalb irritiert, weil ich es mittlerweile fast genau so mache wie die anderen.

Es geht um Kommunikation, um zwischenmenschliche Kommunikation.

Das Wort communis kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie gemeinsam. Es steckt in solchen Wörtern wie Kommune, Kommunal und Kommunismus, bei denen es ja auch um Gemeinschaftliches geht. Man könnte also annehmen, dass es bei zwischenmenschlicher Kommunikation in erster Linie um die Herstellung von Gemeinsamkeiten geht.

 

Die beiden grundlegenden Modelle der Kommunikationstheorie, das Sender-Empfänger- und das Resonanzmodell gehen beide davon aus, dass es neben dem Informationsaustausch auf der Sachebene immer eine zuvor hergestellte gemeinsame Wellenlänge auf der Beziehungsebene braucht, um sinnvoll und effektiv miteinander zu kommunizieren. Wenn die Wellenlänge nicht stimmt, funktioniert auch die Kommunikation meist nicht. Sie verpufft sozusagen.

 

Wie kann man nun feststellen, ob die Wellenlänge stimmt oder nicht? Unter anderem durch Wahrnehmung und Beobachtung. Wie reagiert der oder die Kommunikationspartner/in auf meine ausgesendeten ’Wellen*, was sagt die Mimik und Gestik über die Empfangsbereitschaft auf der anderen Seite aus? Manchmal ist es ein zustimmendes Nicken oder Brummen, das eine Kommunikation beflügeln kann und zum Weitermachen animiert. Manchmal genügt eine hochgezogene Augenbraue oder eine nach unten gezogener Mundwinkel, um jeglichen Versuch einer gemeinsamen Kommunikation im Keime zu ersticken.

 

Zwischenmenschliche Kommunikation ist also eng verknüpft mit Resonanz im Sinne von “Wenn ich etwas in den Wald hineinrufe, erwarte ich, dass bald möglichst wieder etwas herausschallt”. Und das muss noch nicht einmal ein gesprochenes Wort sein. Manchmal genügt eben schon eine Geste oder ein Laut, um dem anderen zu signalisieren “Ich bin ganz bei dir”. Wir sind als soziale Wesen nun einmal darauf angewiesen, vom anderen irgendeine Art erkennbarer Reaktion zu erhaschen. Nur dann können wir die von uns gerade ausgesendete eigene Wellenlänge überprüfen und gegebenenfalls anpassen. Der Wert einer Kommunikation, so sagt man, wird nach dem Sender-Empfängermodell vom Empfänger bestimmt. Wenn ich also wissen will, etwas ich gesagt habe bzw. was davon angekommen ist, sollte ich den oder die Empfänger/in fragen.

 

Außerdem lauter einer der Kernsätze der Kommunikationstheorie, dass “man nicht nicht kommunizieren kann”. Und: “Entscheidend ist nicht, was man sagt, sondern wie”. Will sagen: Der so genannte nonverbale Anteil an der Kommunikation ist meist wesentlich bedeutsamer als der verbale, also das gesprochene Wort. Die Kommunikationswissenschaft geht davon aus, dass der nonverbale Anteil im Schnitt 80% der ganzen zwischenmenschlichen Kommunikation ausmacht, also den weitaus größeren Raum einnimmt.

 

Wenn es sich nun tatsächlich so verhält, wie es die Kommunikationswissenschaft behauptet, dann sind wir meines Erachtens in der modernen digitalisierten Welt auf dem besten Wege, unsere Kommunikationsstruktur Stück für Stück zu ’entmenschlichen’. Die steigende Tendenz, statt eines persönlichen Gesprächs - sei es von Angesicht zu Angesicht, sei es in einem Telefonat - eine  Email oder App-Nachricht oder SMS zu verschicken, das ist es, was mich zunehmend irritiert.

Der für die zwischenmenschliche Kommunikation scheinbar so dringend benötigte Anteil des Nonverbalen und die damit verbundene persönliche Resonanz kann auch durch noch so viele Emojis und GIF-Beigaben nicht wirklich ersetzt werden.

Mit der durchaus plausiblen Begründung, dass man elektronische Botschaften zeitlich besser kalkulieren könne und dadurch nicht aus seinem ‘Work-Flow’ herausgerissen werde, wird nichtsdestotrotz ein wesentliches Element aus der zwischenmenschlichen Kommunikation eliminiert: Die für die Informationsübermittlung nicht zwingend notwendige, aber für den zwischenmenschlichen Beziehungs-Fluss essentielle Herstellung einer gemeinsamen Wellenlänge. Dies geschieht einerseits durch besagte nonverbale Mittel wie Stimmlage, Gesichtausdruck und Gestik, andererseits durch sprachliche Ausdrucksformen, die in der Kommunikationswissenschaft als Redundanz bezeichnet werden, das heißt, dem Anteil in der Kommunikation, der für die eigentliche Informationsübermittlung nicht wirklich nötig wäre, für eine gelungene Übertragung von Sender zu Empfänger - um nicht zu sagen ’von Mensch zu Mensch’ - jedoch unabdingbar ist und sie sozusagen geschmeidiger macht. Dabei geht die Wissenschaft davon aus, dass es bis zu 40% redundante Anteile in der sprachlichen Kommunikation gibt, also Wiederholungen, Wörter und Redewendungen, die man für die reine Daten- und Informationsübermittlung eigentlich gar nicht bräuchte. Worthülsen wie ‘eigentlich’ und ’an und für sich’ sind zwar nicht wirklich nötig, um die Faktenlage auf den Tisch und Punkt zu bringen, machen unsere Kommunikation aber doch erst individuell und abwechslungsreich. Was wäre Sprache ohne diese eigentlich überflüssigen, der Kommunikation an und für sich jedoch Originalität und Würze verleihenden Elemente?

Auch die oft zitierten Beispiele wie ‘Die Ampel ist grün’ oder ‘ Das Ei ist hart’ sind immer wieder gut geeignet, um die Wichtigkeit des nonverbalen und redundanten Anteils an der Kommunikation zu unterstreichen. Natürlich kann genau dieser Anteil zu Missverständnissen und zu dem einen oder anderen Konflikt führen. Doch selbst im digitalen Schriftverkehr gibt es hierfür jede Menge Gelegenheiten, weil eben genau der Anteil an der Kommunikation fehlt, mit dem ich mich vergewissern kann, wie diese oder jene Aussage gemeint sein könnte. Wie oft habe ich schon digitale Nachrichten erhalten oder versendet, die beim jeweiligen Sender oder Empfänger auf Nachfrage teilweise abstruseste Reaktionen hervorgerufen haben, weil die Botschaft missverständlich angekommen war. Durch die auf Knopfdruck bzw. Mausklick hergestellte Empfangsbestätigung, bestätigt man zwar, dass man die Nachricht empfangen hat, aber nicht wie. Manchmal bestätigt man ja sogar eine Nachricht, ohne sie jemals zu lesen. Bei der Flut von  Emails und anderen Nachrichten, die manche Leute tagtäglich auf ihrer Mattscheibe vorfinden, ist dies allerdings auch nicht wirklich verwunderlich.

 

Daher ist der von mir beobachtete Trend zur unpersönlichen - ‘entmenschlichten’ - Kommunikation sicherlich auch eine Folge der sich allgemein beschleunigenden gesellschaftlichen und damit eben auch Kommunikationsprozesse. Die Frage, die sich mir dabei nur stellt, lautet: Wozu ist der Mensch ein Mensch? Ist Leben am Ende tatsächlich, was stattgefunden hat, während man mit anderen Dingen beschäftigt war?  Zeit sparen, um noch mehr Dinge erledigen zu können und noch effektiver unter Zeitmangel zu leiden?

 

Apropos Zeitersparnis und Effektivität. Wie oft habe ich es selbst schon erlebt, dass nach mehreren digitalen Nachrichten, die hin und hergeschickt wurden und nicht immer zur Klärung des Sachverhalts beitrugen, die ganze Angelegenheit in einem persönlichen Gespräch innerhalb weniger Minuten geklärt werden konnte. Meist war und ist es zudem im Gespräch einfach schön, vom jeweiligen Gesprächspartner eben auch das eine oder andere Persönliche zu hören, was wiederum dem Beziehungs-Fluss zugute kommt und nicht nur die Zusammenarbeit erleichtert, sondern mitunter sogar das persönliche Wohlgefühl steigern kann. Wozu diente noch ’mal Kommunikation? Ach ja, der Herstellung von Gemeinsamkeiten.

 

Das so genannte Informations- und Kommunikationszeitalter hat zweifellos dazu beigetragen, dass Menschen heutzutage global und rund um die Uhr verfüg- und erreichbar sind. Somit trägt es eigentlich zu einer größeren Vernetzung der Weltbevölkerung bei. Der Nachteil: Der Aspekt der Gemeinsamkeit droht durch die schiere Menge an Informationen und den schrumpfenden Anteil direkter und persönlicher Kommunikation immer mehr verloren zu gehen. Die Zeit für echte Gespräche und vertiefenden zwischenmenschlichen Austausch scheint immer weniger vorhanden zu sein.

 

Schlussfolgerung: Kann ich den allgemeinen Trend zur ’entmenschlichten Kommunikation’ stoppen oder aufhalten? Wohl kaum. Aber ich kann für mich entscheiden, ob und wann ich mich auf die reine Informationsübermittlung beschränke oder ob ich versuche, einen Kontakt zu einem anderen Menschen herzustellen, indem ich das persönliche Gespräch suche. Manchmal ist es ein Telefonat, manchmal der direkte Weg zum Anderen, der das Leben nicht nur lebendiger macht, sondern auch bereichender. Poetisch ausgedrückt bedeutet ja nach Albert Camus “das echte Gespräch aus dem Ich heraustreten und an die Tür des Du klopfen”.

Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, zukünftig wieder mehr echte Gespräche zu suchen und öfter ‘mal anzuklopfen, mit der Hand wie mit dem Telefon.